Der Baum unter dem die Geister tanzen

 

 

 

 

 

Die Sonne schien. Lichtstrahlen fielen durch das Blattwerk und blendeten ihn. Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah diesen alten Baum.

 

Als Kind war er oft darauf herumgeklettert. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass dieser Baum schon immer da stand. Schon als sie ein Kind war. Schon als seine Großmutter ein Kind war. Schon immer halt und er wird dort vermutlich auch noch ewig stehen, hatte sie gesagt. Vor den leuchtend roten Beeren hatte sie ihn immer gewarnt. Sie seien giftig, hatte sie gesagt. Wenn du sie isst wirst du sterben, hatte sie gesagt. Doch er wusste es besser.

 

 

 

Langsam ging er auf den Baum zu und nahm sich eine der klebrigen Beeren. Das Fruchtfleisch aß er, den Gift tragenden Kern bewegte er zwischen seinen Zähnen hin und her. Dann spuckte er ihn aus. Er setzte sich unter einen Ast. Der Boden war weich. Geradezu gemütlich. Er lehnte sich an den Baumstamm und blickte durch die abertausend Nadeln hinauf in das Licht.

 

Tief Luft holend inhalierte er den komischen, aber nicht unangenehmen, Geruch der vom Baum kam. Er wollte aufstehen, nicht schlafen. Noch arbeiten, nicht ruhen. Doch es gelang ihm einfach nicht. Er konnte sich nicht bewegen, dabei wollte er es doch. Oder etwa nicht?

 

Dann fielen seine Augen einfach zu.

 

 

 

Als er die Augen öffnete war es kalt. Absolute Dunkelheit hatte die Herrschaft übernommen. Es war als wäre das Licht von der Welt verschluckt worden. Weder hier noch dort, nirgends war etwas zu sehen. Als er aufstand stieß er sich den Kopf am Ast, doch es tat nicht weh.

 

Er wollte nach Hause doch fand den Weg nicht. Seine Arbeit musste er doch noch beenden, oder etwa nicht?

 

Den Wald kannte er wie seine Westentasche, aber in dieser Dunkelheit fühlte selbst er sich verloren. Geradezu gefangen.

 

Vorsichtig machte er ein paar Schritte und tastete sich voran. Er irrte durch die Dunkelheit bis er die Lichter sah. Immer schneller, ging er auf sie zu.

 

 

 

- Den Weg werd ich finden, den Weg werde ich sehn -

 

 

 

Als er näher kam hörte er die zärtlichen, leisen Stimmen reden. Sie flüsterten etwas in sein Ohr, doch verstehen konnte er sie nicht.

 

Zur Straße werde ich kommen, hatte er gedacht. Nach Hause werde ich gehen, hatte er gedacht. Doch die Lichter kamen von einem Baum, wie er dann sah.

 

Als ob sie im Wind schweben würden. Sie bewegten sich auf und ab, hin und her. Die Stimmen waren laut und doch so leise.

 

Leise sangen sie ein Lied voll Freude und Qual. Gepackt von diesem Schauspiel stand er da, von Angst erfüllt und doch voller Freude.

 

 

 

Er stellte fest, dass er diese Nacht wohl nicht Zuhause verbringen würde. Wieder setzte er sich unter den Baum und blickte durch die abertausend Nadeln hinauf in die von den Lichtern erfüllte Dunkelheit.

 

Von Ast zu Ast sprangen sie, immer höher.

 

Er blickte ins Licht.

 

 

 

Wo solls denn hingehen, mein Herr? Haben sie sich verirrt? Soll ich ihnen den Weg zeigen?“.

 

 

 

Er zuckte zusammen. Ein alter Mann in einem schwarzen Gewand mit blinden Augen stand, sich auf einen groß Stock stützend, einige Meter von ihm entfernt und streckte ihm seine blasse, knochige Hand entgegen.

 

Verwundert starrte er ihm minutenlang in die blassen, leblosen Augen.

 

 

 

Sollen wir gehen? Ich kenne den Weg. Ich verlange auch nicht viel von ihnen nur eine Münze, mein Herr. Das reicht mir schon.“